• Aufräumen – für sich und andere

Aufräumen – für sich und andere

15.05.2020 REMO BÜRGI, Faktor Journalisten

Death Cleaning – Die Idee: Man räumt so auf, damit Familie und Freunde möglichst wenig zu tun haben, wenn man unerwartet stirbt. Das tönt reichlich makaber. Doch eigentlich geht es bei diesem Trend darum, sich selber etwas Gutes zu tun.

Viele dürften die Situation kennen: Nach dem Tod eines geliebten Menschen heisst es nicht nur Abschied nehmen. Bald muss auch sein Zuhause geräumt werden. Dabei sind die Hinterbliebenen gezwungen, die Habseligkeiten des Verstorbenen zu sortieren. Was hat einen Wert, finanziell oder emotional? Was kann man verschenken oder verkaufen? Was muss entsorgt werden? Das sind schwierige Entscheidungen, insbesondere in einer Zeit des Trauerns. Solche Situationen sollen durch das Konzept der schwedischen Autorin Margareta Magnusson vermieden oder zumindest erleichtert werden. «Döstädning» heisst das auf Schwedisch, eine Kombination der Wörter für «sterben» und «Sauberkeit». Gemeint ist damit die Kunst, Ordnung ins Leben zu bringen – die englische Übersetzung «Death Cleaning» wird diesem Ansatz nicht ganz gerecht.

Wesentliches vom Unwesentlichen trennen

Magnusson, heute über 80 Jahre alt, entrümpelt ihren eigenen Haushalt regelmässig. Zum einen will sie diese Aufgabe ihren Angehörigen ersparen, indem sie ihre Angelegenheiten selber regelt. Zum anderen ist sie überzeugt, dass ihre Methode auch für die Person von Vorteil ist, die das «Death Cleaning» durchführt. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Hab und Gut hilft, Nötiges von Unnötigem zu unterscheiden. So kann man Ballast abwerfen und Raum schaffen für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind. Wer die Methode von Magnusson anwendet, zwingt sich auch, seine Unterlagen zu ordnen und den lästigen Papierkram zu regeln. So erleichtert man sich selber den Alltag. Die Aufräum- Methode ist denn auch keineswegs nur für Rentner gedacht. Mit «Death Cleaning» sollte man gemäss Margareta Magnusson anfangen, sobald man denken kann. Schliesslich neigen auch jüngere Menschen dazu, Dinge anzuhäufen und unnötigen Tand zu bunkern.

Glückskompass und Schatzkiste

Der Haken an der Sache: Wir tun uns häufig schwer damit, uns von Besitztümern zu trennen. Magnusson rät deshalb, nicht mit dem Schwierigsten anzufangen. Bilder, Briefe und Erinnerungsstücke also erst einmal beiseitelassen und mit Alltagsgegenständen, Möbeln und Kleidern anfangen. Ziehe ich diese Hose wirklich nochmals an? Brauche ich den Stuhl tatsächlich? Was nützen mir die alten Geräte auf dem Estrich noch? Wer solche Fragen ehrlich beantwortet, wird rasch das Wichtige vom Unwichtigen trennen können. 

Erst am Schluss sollte man sich mit den persönlichen Dingen beschäftigen, zu denen man einen emotionalen Bezug hat. Dabei empfiehlt Magnusson, eine Art «Glückskompass » zu benutzen. Nimmt man etwas zur Hand, stellt man sich die Frage, ob es positive oder negative Gefühle auslöst. Wenn es einen glücklich macht, behält man es. Wenn nicht, muss es weg. Oder wie Magnusson es ausdrückt: Die guten Geschichten aus dem Leben werden behalten, die schlechten dagegen ausgelöscht. Um diesen nicht immer einfachen Prozess angenehmer zu machen, rät Magnusson, sich ab und zu eine Belohnung für das «Death Cleaning» zu gönnen. Ein gutes Essen vielleicht, einen Filmabend oder einen Wochenend-Ausflug. 

Was am Ende an Gegenständen mit einem persönlichen Bezug übrigbleibt, kann in einer Art Schatzkiste verstaut werden. Margareta Magnusson hat ihre Schatzkiste mit «einfach wegwerfen» angeschrieben, weil nur sie eine emotionale Bindung zu den darin enthaltenen Dingen hat. Für ihre Nachkommen haben diese Objekte keine spezielle Bedeutung, daher können sie nach ihrem Tod ungeprüft weggeworfen werden. Eine etwas drastisch anmutende Massnahme, aber zweifellos konsequent.

Umfeld miteinbeziehen

«Death Cleaning» ist keine einmalige Aktion, sondern soll regelmässig durchgeführt werden. Dementsprechend gibt es auch keinen Zeitdruck. Im Gegenteil: Es lohnt sich gemäss der Autorin, sich dafür genügend Zeit zu nehmen. Zudem ist das Entrümpeln kein Prozess, den man alleine durchzuführen hat. Der Austausch mit nahestehenden Personen kann sogar helfen, weil so ein unvoreingenommener Blick von aussen dazukommt, wenn ein Entscheid schwerfällt. Generell empfiehlt Magnussen, dass man Familie und Freunden erklärt, wie das «Death Cleaning» funktioniert und weshalb es Sinn macht. Ausserdem lässt sich gemeinsam besser planen, was aus den ausrangierten Objekten werden soll. Kann man sie verschenken, verkaufen, versteigern? Wer könnte Interesse haben daran?

Das Konzept von Magnusson stellt sicher, dass Hinterbliebene nicht wertvolle Zeit für das Aufräumen, Ausmisten und Entrümpeln verbrauchen. Stattdessen wissen sie gleich, was wichtig und erhaltenswert ist und was weggeworfen werden kann. Gleichzeitig profitiert der «Death Cleaner» selber davon, dass er nur noch von Dingen umgeben lebt, die er wirklich braucht und die eine Bedeutung für ihn haben. Wer also darüber nachdenkt, was über den Tod hinaus bleiben soll, erleichtert sich sein Leben. So kann «Death Cleaning » wahrlich lebendig machen.